Rolf Läuffer

Nach 4 1/2 Tagen faszinierenden Sightseeings in Hamburg bei kaltem aber sonnigem Wetter liessen meine Frau Elsbeth und ich uns mit dem Taxi zum Containerterminal Altenwerder fahren. Gleich bei der Eintrittskontrolle zum Schiff zeigte die Crew gesunden Menschenverstand anstelle von Formalismus, als meine Frau ihre Identitätskarte anstatt den Reisepass vorwies.

Bei der Anmeldung zur Reise hatte ich Kopien unserer Reisepässe an die NSB geschickt und meine Frau hatte den Ihren zur Reise Nicht dabei, weil wir uns ja nur innerhalb des Schengen-Raumes bewegten. Kapitän Schlehf bewies Einsicht und ließ Toleranz walten und so konnten wir uns wie vorgesehen unserer Kabine einnisten. Bei meinen vorhergehenden Frachterreisen war ich jeweils einer von 2 Fahrgästen oder sogar der Einzige, doch dieses Mal war es anders.

Außer uns waren an Bord: ein Schweizer mit seinem Fahrrad mit Destination Sidney, ein englisches Ehepaar mit Reiseziel Freemantle und der Bruder eines der deutschen Crewmitglieder, der wie wir bescheiden nur nach Genua reiste. Zu meiner Freude sahen wir beim Nachtessen in der Offiziersmesse einen alten Bekannten von mir,  2nd. mate Dennis Schmidt, mit dem ich bereits einmal nach Singapur unterwegs war.

Nach dem Essen bewunderten wir in der Abenddämmerung die Skyline von Hamburg, bis die Müdigkeit uns ins Bett zog. Die vorgesehene Abfahrtszeit war 01 Uhr in der Früh, sodass wir sowohl das Ablegen als auch die Fahrt auf der Niederelbe verschliefen.

Am ersten vollen Tag auf See benahm sich diese äusserst zahm - absolute Flaute in der Nordsee bis nach Rotterdam. Bei einem Besuch auf der Brücke kam ich mit Dennis Schmidt ins Gespräch und lernte, dass alle Lotsen selbständig Erwerbende sind, aber in Bruderschaften organisiert, welche die Infrastrukturen für alle Mitglieder gemeinsam betreiben.

Abends um 20 Uhr haben wir vor der Einfahrt zur neuen Maas bei Rotterdam einen Lotsen an Bord genommen, der uns auf der rund 2-1/2-stündigen Fahrt zum Prins Willem Alexanderhaven begleitete. Dorten wurde mit Schlepperhilfe gedockt. Der Kapitän hat für 1 Million (!) US$ Schweröl bunkern lassen - ob er in Bar bezahlt hat, ist mir unbekannt. Trotzdem wir bis zum Abend des nächsten Tages hier blieben, besuchten wir die Stadt nicht und blieben auf dem Schiff. Erstens hatten wir Rotterdam bereits früher besucht und zweitens wollten wir unsere Eindrücke von Hamburg nicht verwässern.

Wie sich herausstellte ein weiser Entscheid - das Laden war bereits um 15 Uhr beendet. Ein Bugsierboot zog uns vom Kai weg und half beim Drehen. Somit konnten wir die Fahrt auf der Nieuwe Maas ein zweites Mal geniessen und erhaschten auch einen Blick auf die grossen Fluttore in der Nähe der Flussmündung. Auch das Manöver zum Absetzen des Lotsen zu verfolgen war spannend. Nach dem Nachtessen und der für uns obligaten Runde ums Deck druckte uns Kapitän Schlehf - ein freundlicher, kommunikativer Seebär - auf der Brücke noch einige Daten zu  seinem Schiff und unserer Reise aus. Für den nächsten Tag erwartete er schlechtes Wetter.

Um 9 Uhr am folgenden Tag waren wir fest in Le Havre. In der Nacht hatte es geregnet, aber nun war der Himmel zwar bedeckt, aber es war trocken. Die cargo operations dauerten bis um 20 Uhr und männiglich traf sich auf der Brücke beim Ablegen. Im Gegensatz zu anderen Kapitänen, die ich erlebt habe, erlaubt Herr Schlehf den Aufenthalt auf der Brücke auch während der Hafenmanöver. Im Ärmelkanal waren einige Kreuzfahrer (unser Kapitän nennt sie "Musikdampfer") zu sehen wobei wir einem davon folgten, bis dieser nach Osten abbog.

Kaum bei Brest um die Ecke, begann es am Tag darauf "zu rocken". Eigentlich nicht verwunderlich, denn wir waren fortan unterwegs quer durch die Biskaya. Wind und Wellen kommen in dieser Gegend immer von Westen und bei unserem südlichen Kurs hatten wir die ganze Bescherung breitseits von Steuerbord. Meine Frau Elsbeth hielt sich tapfer, aber die Frau des chiefmate war grün: Windstärke 7-8 bft, Wellenhöhe 6m und unser Kahn rollte trotz seiner Breite von 32m wie eine Kinderschaukel.

Offenbar war das auch für die Besatzung ein Bisschen viel - jedenfalls schaltete der 3. mate auf Handsteuerung um und änderte den Kurs um ein paar Grad. Das half ! Dessen ungeachtet lud der Kapitän zu einem "diner à la française". Er hatte - nach Rückfrage bei seinen Fahrgästen wegen der Zusatzkosten - in Le Havre exzellenten französischen  Wein und ebensolchen Käse eingekauft und Lukullus liess uns die Schiffsbewegungen für ein Weilchen vergessen.

In der vergangenen Nacht haben wir suboptimal geschlafen - um mich einigermassen gepflegt auszudrücken. Das dauernde Rollen der ANPING liess uns umfangreiche Liege-Experimente durchführen. Ideal wäre eine Lage quer zur Schiffsachse gewesen, aber dazu war das Doppelbett denn doch zu schmal. Und in normal (=Längs)-Lage war an ein Einschlafen nicht zu denken. Schliesslich fanden wir die Lösung in einer Liegeposition diagonal zum Bett. Dafür belohnte uns der Tagesanbruch mit ruhigeren Gewässern: Ab Kap Finisterre in Nordspanien waren wir wieder im Schutz des Festlandsockels. Die Sonne schien und beim Lesen auf der Plattform des Deckhauses war unser Nocturne bald vergessen.

Am folgenden Tag fand unter kundiger Leitung des 1st. engineers die Besichtigung des "Motörchens" statt. Die Hauptmaschine mit Zusatzaggregaten reckt sich über 4 Decks und produziert gehörig Lärm und Hitze. Der Nachmittag war einem fire-drill für die Mannschaft mit anschliessendem abandon-ship-drill für uns alle gewidmet. Die Sitzordnung im Rettungsboot nimmt keine Rücksicht auf allfällige Berührungsängste. Das Wetter war so, dass wir froh waren, unsere Überlebensanzüge nicht tragen zu müssen. Zur Entspannung nach diesem  ereignisreichen Tag schauten wir nach dem Nachtessen vom Bug aus noch für ein Weilchen den Tümmlern beim Spielen zu. Wir waren nun bei Cabo San Vincente an der Südspitze Portugals, damit erwarteten wir ruhigere Wind- und Seeverhältnisse, zumal wir bei östlichem Kurs beide von achtern haben. Zudem ist ausser bei Sturm die Wellenhöhe im Mittelmeer nur ein Bruchteil derjenigen im Atlantk.

Von der Durchfahrt der Meerenge von Gibraltar am Sonntag bekamen wir wegen der diesigen Sicht praktisch nichts mit, aber auf der Brücke konnte man an den ECDIS (Electronic Chart Display Systems - digitale Seekarte mit Radar-Überlagerung) jederzeit unsere Position feststellen. Zudem wird auch heute noch sogar in der Grossschifffahrt die gute alte Papierseekarte stündlich nachgeführt, wo man sich ebenfalls orientieren konnte. Nachmittags führte uns der 1st. engineer durch den Ruderraum und demonstrierte uns zwei mit lokaler Handsteuerung ausgelöste Ruderausschläge bis zum Endanschlag. Auf der Brücke löste dies eher Panik als Freude aus, da das Manöver nicht vorgängig abgesprochen wurde.

Da an unserem letzten Tag auf See trotz stundenlangem "slow-steaming" noch Zeit übrig blieb bis zum Docking-Termin in Genua wurden beide Rettungsboote zu Wasser gelassen und probegefahren. Die Heckwelle der Figuren fahrenden Boote war von der Brückennock aus im tiefblauen ruhigen Wasser eine Augenweide. Alle Fahrgäste standen mit schussbereiten Kameras bereit.

Und dann geschah das Unerwartete: Frau Elsbeth Läuffer, sonst eher Landratte als eifrige Seglerin und die aus purer Gefälligkeit zu mir mitreiste, erklärte ihrem Ehemann, dem passionierten Segler, sie könnte nun mühelos noch bis Australien mitfahren. Zum ersten Mal seit Jahren fühle sie sich total entspannt im Urlaub. Bei einem weiteren Mal müsste sie einfach noch ein paar Bücher mehr mitnehmen und ihren Laptop, und dann auch den Reisepass mit den entsprechenden Visa. Ich war sprachlos (was bei mir selten vorkommt). Dann lieferte sie mir die Erklärung: 1.) braucht sie keine Angst zu haben - alle Besatzungsmitglieder sind ausgewiesene Profis. Somit fühle sie sich auch jeder Mitverantwortung entbunden. 2.) ist sie im Deckhaus in sicherer Distanz zur See. 3.) hat sie genügend Platz in der Unterkunft (im Gegensatz zum Segelschiff) und auch genügend Auslauf an Deck. 4.) sind die Schifffsbewegungen durch die schiere Tonnage wesentlich sanfter. 5.) fehlt jede Ablenkung durch häusliche Pflichten.

Als krönenden Abschluss dieser Reiseetappe organisierte unser geselliger Kapitän eine Abschieds-Party und organisierte nebenbei noch ein Taxi für uns zum Bahnhof. Eine erholsame Schiffsreise mit kompetenter   und freundlicher Crew ging zu Ende. Dank günstiger Zugsverbindungen erreichten wir die Schweiz noch am selben Tag unserer Landung in Genua.

Wussten Sie schon, dass ...?

Kleidung

Rutschfeste Schuhe (z.B. Segel- oder Turnschuhe) unbedingt mitnehmen! Wir empfehlen Windjacken bzw. wind- und wetterfeste Kleidung, passend zum Fahrtgebiet und der Jahreszeit. Auf der Reise werden gegebenenfalls alle Klimazonen durchfahren – warme Pullover und Hosen und eine regendichte Jacke ebenso mitnehmen wie leichte Baumwollkleidung wie kurze Hosen und T-Shirts.

Es gibt an Bord keine Kleidervorschriften – wir empfehlen legere Freizeitkleidung. Zu den Mahlzeiten keine Badebekleidung oder kurze Hosen tragen!