Dorothee Holzegger

Gegen Ende ihrer Berufszeit in medizinischen und sozialen Institutionen kam die Schweizerin Dorothee Holzegger auf die Idee, diese Lebensphase „symbolisch“ hinter sich zu lassen, um eine neue zu beginnen. Gedacht hatte sie an eine Atlantik-Überquerung, jedoch nicht mit einem Kreuzfahrtschiff.

Als sie dann „zufällig“ die Anzeige des NSB-Reisebüros in Bremen sah, rief sie dort an und bekam von Outi Gloger die Auskunft, es fahre jeden Monat eines der NSB-Schiffe von Europa nach USA und zurück! So fing alles an …

Seither ist Dorothee Holzegger auf sechs verschiedenen Schiffen, mit vier Kapitänen, auf Routen wie z.B. Hamburg – China und zurück; Bremerhaven – USA – Golf von Mexico und zurück; Los Angeles – China und zurück, zehn Mal auf NSB-Schiffen mitgefahren. Über die Faszination, die das Reisen auf Frachtschiffen auf sie ausübt, hat Outi Gloger aus unserem Frachtschifftouristik-Reisebüro in Bremen mit ihr gesprochen.

 

Nach all den Reisen: Was ist das Schönste für dich an Bord?

Jede dieser Reisen hatte etwas Besonderes, und auch mehrmals befahrene Routen behielten für mich ihren Zauber bei: Jeder Tag ist anders, und doch gibt es viel Vertrautes. Das Schönste für mich ist, dass ich inzwischen ab und zu als „Bordfotografin“ dabei sein darf! Das hat seine Vorgeschichte:

Reisen und Fotografieren hatte ich seit vielen Jahren miteinander verbunden. Auf der ersten Containerschiffsreise hatte ich meine erste Digitalkamera dabei. Der Kapitän fand meine Bilder auf dem Display besonders schön, und er gab mir den Tipp, die Bilder zu Magix-Fotoshows zu verarbeiten. Seither gestalte ich neben Fotoalben auch nach jeder Reise solche Fotoshows, und ich werde immer wieder eingeladen, diese vorzuführen.

 

Was fasziniert dich denn so besonders an diesen Reisen?

Eine ganz neue Welt zum Hinschauen und Dabeisein hat sich für mich aufgetan! Beispiele sind

  • das Ankommen und Auslaufen in den Häfen
  • das Ent- und Beladen des Schiffes
  • das andauernde Fahren mit einem solchen Schiff und zu merken, dass und wie es sich bewegt
  • die Veränderung der Maschinengeräusche
  • die verschiedensten Wetterlagen und Stimmungen (z.B. Meer, Himmel, Winde, Tageszeiten, Temperaturen, Ausblicke, Horizonte)
  • die Zusammenarbeit, sowohl an Bord als auch, dass es möglich ist, international auf diese Weise zusammen zu arbeiten!

Immer wieder bin ich davon beeindruckt, welch große Verantwortung der Kapitän hat. Wenn etwas nicht funktioniert, kann man nicht einfach in einem Laden das Nötige besorgen, sondern auf dem Schiff sind die Verantwortlichen darauf angewiesen, dass die Zusammenarbeit mit allen zuständigen Stellen an Land optimal klappt - und das mit, im Vergleich zum Leben an Land, eingeschränkten Kommunikationsmöglichkeiten und den verschiedenen Tageszeiten an Land und auf See.

Wohl am meisten bin ich davon angetan, am Leben und Alltag in einer solchen Gemeinschaft, in einer mir sonst fremden Welt der Technik, teilzuhaben. Es braucht immer eine gewisse Zeit, bis sich etwas wie Zugehörigkeit einstellt. Das Fotografieren ist ein gutes Medium dafür – nicht nur die „Jungs“ freuen sich, wenn sie Fotos von sich bei der Arbeit und vom Schiff mit nach Hause nehmen können. Es kommt auch vor, dass mich z.B. ein NWO darauf hinweist, dass es bald etwas Interessantes zu fotografieren gibt – z.B. bei Kursänderungen, wenn Steuer und Propeller zusammen bunte „Kurven“ auf das Meer zaubern.

Sehr wichtig ist mir das gegenseitige Vertrauen: Ich frage jeweils, ob ich dieses oder jenes machen dürfe. Inzwischen bin ich z.B. bei An- und Ablegemanövern oft an Deck dabei oder fotografiere von der Pier aus, natürlich in passender Kleidung und mit Schutzhelm.

Ich schaue jedes Mal wie gebannt aus der Nähe zu, wie z.B. die Leinen geworfen werden und „an Land gehen“. Oder wenn das große, schwere Schiff an der Pier anlegt und dabei keine Bewegung, kein Ruckeln zu spüren ist!

Es gibt vieles, das bei jeder Reise wieder wie neu ist: Dem Wachoffizier bei seiner Arbeit, auch am Kartentisch, zuzuschauen oder ihn etwas fragen zu dürfen; wenn er mir von seiner Familie, seinen Kindern erzählt; oder Koch und Steward bei ihren Zauberkünsten zuzuschauen; wenn ich auf der Brücke, auch in der Morgenfrühe, willkommen bin – es ist für mich sooo schön, einfach dort zu sein!

Ich empfinde es jedes Mal als ein Geschenk, wenn ich einen Sonnenauf- oder -untergang beobachten kann – vor unverstelltem Horizont, bei wechselnden Farben und Schattierungen von Himmel und Meer! Aber auch schlechtes Wetter kann seinen Reiz haben, jedenfalls für eine Schweizer Landratte: Das Prasseln von starken, schweren Regentropfen auf der Nock; wenn es wie aus Kübeln gießt und ich im Trockenen sein kann – und wie schnell manchmal so ein Unwetter vorbei ist. Oder aber, wie viele Tage und Nächte das Schiff rollend fährt, so dass der Eindruck entsteht, Wellen und Schiff fahren zusammen, im gleichen Tempo. Das Rollen des Schiffes bei schwerem Seegang ist mit nichts zu vergleichen!

 

Hast du einen Lieblingsplatz an Bord?

Wenn die Crew ihre Arbeiten an Deck gegen Abend beendet hat, ist Zeit für meinen Rundgang. Dabei halte ich auch gerne Ausschau nach den kleinen Dingen (ich nenne diese „Details“), die manchmal richtig schön oder witzig aussehen und die ich fotografieren „muss“.

Am Bug ist es ganz still und ruhig, die gewohnten Maschinen-Geräusche sind weit weg – jedes Mal etwas Wunderbares. Zur Sonnenuntergangszeit gibt es manchmal rot glänzende Wellenkämme! Die fahrenden Schatten der Container geben auch interessante Ausblicke und Bilder, und das „Schraubenwasser“ am Heck veranstaltet ein wechselndes Farben-, Formen-, Schatten- und Geräuschespiel.

 

Hast du besondere Situationen oder Stürme erlebt?

Während einer Reise waren dem Schiff einmal drei Taifune gleichzeitig voraus und es war noch unklar, wie sie sich weiter entwickeln würden. Eindrücklich war, für welche Maßnahmen sich der Kapitän in dieser Situation entschied:

Die vorgegebene Route ändern, am nächsten Tag anhalten und dann abwarten, bis klarer sei, wie sich die Wetterlage weiter verändern würde. So hielten wir bei spiegelglatter, tiefblauer See an, und ein Rettungsboot wurde zur Übung ausgefahren. Danach drifteten wir bis gegen Abend.

Als klar war, dass sich der verbliebene Sturm vor uns über Land verzogen hatte und auch seine Ausläufer uns nichts mehr anhaben können – das Schiff höchstens nachts etwas schaukeln würde – sind wir weitergefahren! An diesem und dem nächsten Tag gab es besonders eindrückliche Wolkenbilder.

 

Gehst du auch mal an Land?

Wenn es sich ergibt, gerne – jedoch fehlen Landgänge mir nicht, da ich ja an Bord sehr beschäftigt bin.

Wie sehen deine weiteren Schiffs-Reise-Pläne aus?

Hier habe ich so viel vor, dass ich vorerst keine Pläne schmieden möchte. Ich vertraue darauf, dass mir „zu gegebener Zeit“ etwas Passendes in den Sinn kommt oder zufällt – darauf freue ich mich schon!

Zu den anderen Reiseberichten:

Trinkgelder

Die Passagiere können frei entscheiden, ob sie Trinkgeld geben möchten oder nicht. Die Höhe der Trinkgelder liegt dabei in eigenem Ermessen. Ist der Passagier zufrieden, wird es allerdings gerne gesehen, wenn er sich schon während der Reise erkenntlich zeigt. Der Kapitän gibt dazu Informationen – so kann der Passagier in Absprache mit dem Kapitän z.B. für eine bevorstehende Grillparty (siehe „Barbecue“) eine Kiste Bier spendieren. Auch Steward oder Koch freuen sich über ein Trinkgeld.